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Letzte Änderung: 17. Nov. 2008

Astrologie Magazin Sternwelten
 

Schiller und Goethe

Von Monika Heer

Schillers Tod am 9. Mai 1805 traf Goethe tief: "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins." So beklagte er sich in einem Brief aus dieser Zeit. Mehr als zwei Jahrzehnte später wurde Schillers Sarg in die Weimarer Fürstengruft überführt. Hier fand dann auch Goethe, der 1832 starb, seine letzte Ruhestätte.

Die über dem Tod hinaus währende Freundschaft der beiden großen Dichter hat sich im Kanon der Literaturgeschichte gleich mehrfach niedergeschlagen, die gemeinsame Schaffensperiode von 1794 bis 1805 wird als "Weimarer Klassik" bezeichnet, die langjährige Freundschaft mit dem Schlagwort "Ästhetische Allianz“ charakterisiert. Allerdings dauerte es nach den ersten Begegnungen fast 15 Jahre, also eine halbe Saturnrunde, bis aus anfänglicher Abwehr, ja sogar Abneigung, das Arbeitsbündnis der zwei Dichterfürsten und deren tiefe Freundschaft entstand.

Erstes Treffen


Im Jahr 1779 ist die erste Begegnung zu verzeichnen, da war Schiller noch Medizin-Student an der Karlsschule, dichtete aber schon heimlich an seinem ersten Stück. Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ war seit fünf Jahren ein Bestseller, Goethe selbst eine prominente und zugleich umworbene Persönlichkeit. Und das war er nicht nur als Dichter, sondern als Politiker und Beamter, 1771 hatte er sein Jurastudium mit einer Promotion erfolgreich beendet, dann wurde er zum Leiter der Bergwerkskommission ernannt, 1779 erhielt er den Titel des Geheimrats und die Leitung einer Kriegs- und Wegebaukommission. Eine Dienstreise führte ihn Ende 1779 nach Baden-Württemberg an die Militärakademie, unter deren strengem Reglement der junge Student Friedrich Schiller litt. Später konnte Goethe sich an diese erste flüchtige Begegnung nicht erinnern. Und Schiller - der war „not amused“, obwohl Goethes Werther DAS Kultbuch der Jugend war und Friedrich - den Protagonisten im "Club der toten Dichter" vergleichbar - heimlich mit seinen Freunden den "Götz von Berlichingen" las.

Neun Jahre später, genau genommen am 7. September 1788, traf Goethe erneut mit Schiller zusammen. Ein Treffen im Hause der Familie von Lengefeld war von Freundinnen der beiden Dichter arrangiert worden. Und im Herbst 1789 reiste Goethe von Dresden über Weimar und besuchte Schiller, um sich mit ihm zu unterhalten. Denn der war mittlerweile kein Unbekannter mehr, sein viertes Theaterstück „Don Carlos“ ein Jahr zuvor mit großem Erfolg in Darmstadt uraufgeführt worden. Man kann sagen, dass Schiller im Jahr der französischen Revolution zur intellektuellen Elite seiner Zeit gehörte.

Freundschaft - nein danke!


Trotzdem verliefen die ersten persönlichen Begegnungen wenig aussichtsreich. Schiller war der festen Überzeugung, sein berühmter Kollegen sei egoistisch und ein vom Glück bevorzugter Lebemann, Goethe hingegen hielt den zehn Jahre jüngeren Dichter für einen jungen Wilden, sah in ihm den unreifen Sturm- und Drang Poeten.

Der Blick auf die Horoskope erklärt möglicherweise, warum Schiller nach der Begegnung 1788 in einem Brief an seinen Freund Körner Goethe wie folgt beschrieb: „Sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden.“

Johann Wolfgang von Goethe, 28. August 1749, 12.00 Uhr LMT, Frankfurt a.M.

Schillers Sonne steht im vierten Haus, die von Johann Wolfgang von Goethe hingegen in Haus 10. Saturn findet sich bei ihm wiederum am Aszendenten, in Schillers Horoskop im entgegengesetzten siebten Haus. Während Schillers Mond im Löwen steht, ruht Goethes Fische-Mond im vierten Haus.

Friedrich Schiller, 10.11.1759, 23.40 LMT, Marbach am Neckar

Zwar bilden die Sonnen mit ihrer Zeichenstellung, Goethes Sonne in der Jungfrau und Schillers Sonne im Skorpion, keinen Spannungsaspekt, doch in der Synastrie finden wir Goethes Saturn auf Schillers Sonne, während der Saturn von Schiller in Konjunktion zu Goethes Mond und zugleich in Opposition zu seiner Sonne steht.

Sonne, Mond und Saturn in der Synastrie


Sonne-Saturn und Mond-Saturn Verbindungen gelten bekanntermaßen in der Partnerschaftsastrologie traditionell als eher ungünstige Aspekte. „Dem Saturn-Partner ist der Sonne-Eigner zu impulsiv und unruhig, zu wenig ehrgeizig.... Kein günstiger Vergleichsaspekt für Familienbeziehungen, denn es wird die Harmonie fehlen. Bei Geschäftsverbindungen oder Arbeitsverhältnissen werden beide Partner nicht froh werden können. Es ist besser, wenn eine enge Verbindung unterbleibt.“
Das schreibt Alexander von Pronay (1) über die Opposition von Sonne und Saturn und Mond-Saturn, so der Autor an anderer Stelle, kann „tiefste Resignation“ (2) anzeigen.

Hier tritt uns Saturn als altbekannter Übeltäter entgegen, als Prinzip der Beschränkung und Frustration. Vielleicht aber kann die erst langsam und allmählich wachsende Freundschaft der Dichter einen anderen Blick auf Saturn-Verbindungen bescheren.
Kronos als griechischer Saturn ist der Planet des Alters und des Älterwerdens, er ist derjenige, der weiß, dass Zeit verrinnt. Als Gestalt des Senex im Archetypenkosmos C.G. Jungs ist Kronos/Saturn der alte, weise Mann, oft mit einem langen grauen Bart abgebildet, wie etwa auf der neunten Tarotkarte "Der Eremit" im Rider-Waite Tarot. Dieser alte Mann hat die Geduld, seine Ziele über einen langen Zeitraum hinweg zu verfolgen, in kleinen Schritten beharrlich und ausdauernd, allen Widerständen zum Trotz, unbeirrt seinen Weg zu gehen. Er hat Lebenserfahrungen gesammelt und aus ihnen gelernt und gilt nicht zuletzt deshalb als Inbegriff von Weisheit und Reife.
Jugendlicher Übermut hingegen, die Potenziale des Sturm und Drang, idealistisch gefärbtes Rebellentum, das alles ist Saturn fremd und wird von ihm (zu Recht?) auf realistische Machbarkeit geprüft.

Schiller war nun gerade 20 Jahre alt, als er Goethe zum ersten Mal traf. Abgesehen von einem sehr gegensätzlichen familiären Background befanden sich die Zwei schon durch den Altersunterschied von zehn Jahren an ganz unterschiedlichen Punkten in ihrer Entwicklung. Schiller war auf dem besten Wege, als jugendlicher Revoluzzer die Privilegien des Adels und alle Ungerechtigkeiten des Feudalsystems anzuprangern. Auch aus seinem persönlichen Erleben heraus war diese Rebellion notwendig, um sich aus den Diensten des Herzogs Karl Eugen zu befreien und seine eigenen Wege zu gehen, wie ich im ersten Teil "Das Schiller-Rätsel" schon geschrieben habe.

Was lange währt...


Er war 35 Jahre, als er Goethe den sogenannten Geburtstagsbrief schrieb und dabei mit ausgesucht höflichen Worten um die Mitarbeit des Kollegen bei der neuen Literaturzeitschrift „Die Horen“ bat. Zu diesem Zeitpunkt, nämlich 1794, hatte sich die französische Revolution in ihr Gegenteil verkehrt, Robespierre die Schreckensherrschaft errichtet. Nahezu alle progressiven deutschen Intellektuellen distanzierten sich von der „Emancipation“ in Frankreich, auch Schiller empfand Abscheu und war angewidert von der „rohen, gesetzeslosen Barbarei“. Und so wurde er zum Gegner der Revolution.
Möglicherweise ist es diese erwachsene Haltung, ganz sicher aber ist es die spürbare Wertschätzung des älteren Kollegen, die einen Umschwung bei Goethe bewirkt und ihn zügig mit folgenden Worten antworten lässt: „Zu meinem Geburtstage hätte mir kein angenehmer Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie, mit freundschaftlicher Hand, die Summe meiner Existenz ziehen und mich, durch Ihre Teilnahme, zu einem emsigern und lebhafteren Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern.“

Freundschaft im Zeichen des Saturns


Schillers Anfrage und Goethes Antwort waren der Auftakt zu einem Briefwechsel, der bis zwei Wochen vor Schillers Tod andauern sollte. Der Bann war gebrochen und alle Tugenden des Saturns lassen sich am schriftlichen Dauergespräch der Freunde nachvollziehen. Regelmäßig und kontinuierlich setzen sie sich wechselseitig mit ihrer Arbeit auseinander. Dabei vertraten beide durchaus verschiedene kunsttheoretische Ansätze, doch es gelang so etwas wie Akzeptanz und gegenseitige Anerkennung – und vor allem wechselseitige Inspiration und kollegiale Unterstützung.

Wir können vermuten, dass Schiller zum Zeitpunkt seiner Anfrage an Goethe aufgrund eigener Erfolge selbstbewusst genug war, dem großen Meister als ebenbürtiger Literat entgegen zu treten. Seine Sonne strahlte im eigenen Glanz, so dass er sich von Goethes Anspruchsdenken und seiner gesellschaftlichen Position nicht verunsichern ließ. Schiller hatte wahrscheinlich auch seine Saturn-Lektion „gelernt“ und verfügte über hinreichend Rückgrat, die gegensätzlichen Positionen auszutragen.

Die Beziehung von Friedrich Schiller zu Goethe - nach allen Anfangschwierigkeiten - sowie der überlieferte Briefwechsel, die gemeinsamen Projekte und der fachliche Austausch auf allerhöchstem Niveau sind beredte Zeugnisse einer Freundschaft unter dem Signum des Saturn. Sie zeigen, dass dieser Planet nicht zwangsläufig als Einschränkung und wechselseitige Frustration und Behinderung gelebt werden muss.
Ganz im Gegenteil, im Miteinander dieser zwei so verschiedenen Persönlichkeiten zeigt sich Saturn von seiner besten Seite, als Treue, Verlässlichkeit und Arbeitsbündnis. Ja sogar als eine Arbeitsform, in der die beiden Dichter-Merkure einen äußerst konstruktiven Dialog miteinander führten, auch wenn sie astrologisch ein Quadrat bilden, nämlich Goethes Löwe-Merkur auf Schillers AC und Schillers Skorpion-Merkur auf Goethes AC.

(1) Alexander von Pronay Die große Partnerschaftsanalyse, Bietigheim 1979, S. 52f.
(2) ebd. S. 92

Die Zitate aus den Briefen Friedich Schillers und J.W. von Goethes sind hier zu finden:
www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/briefe/schiller

 

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