Cardanos Kosmos
Von Anton Smetana
Cardanos Kosmos, Die Welten und Werke eines Renaissance-Astrologen - Anthony Grafton - Taschenbuch - 414 Seiten (1999) - Berlin Verlag - ISBN: 3827001684

Man erwarte nicht feine Nuancen oder wichtige Fragen, sondern freue sich, genüßlich in die Welt der Renaissance einzutauchen. Gut dokumentiert aber vor allem witzig und leicht lesbar geleitet der Autor den Leser durch das Wirken des Girolamo Cardano. Seine Werke und sein Leben nehmen erwartungsgemäß großen Raum ein. Der Naturphilosoph, Arzt und Mathematiker versuchte der Astrologie empirischen Boden zu geben. Von ihm stammt der Gedanke, man benötige nur eine zahlenstarke Sammlung geprüfter Horoskope, die mit der Wirklichkeit übereinstimmen, um daraus die Astrologie ableiten zu können. Die historische Studie gefällt dank der Sympathie zur Astrologie an sich. Die ansonsten bei Historikern anzutreffende kritische Distanz wird durch Verstehen und philosophisches Können ersetzt. Dieses Werk wird dadurch für Astrologen sicherlich zur angenehmen Urlaubsliteratur.
Aus dem 1. Kapitel: "Um die Mitte der siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts reiste Francois d'Amboise nach Rom, um Ruinen und Geistegrößen zu besichtigen. Unter anderem machte er auch dem weltberühmten Girolamo Cardano seine Aufwartung [...] Die Ausstattung seiner Wohnung war nicht weniger charakteristisch für ihn als der Gestus seiner Texte: Anstelle von Bildern hingen an den Wänden Spruchbänder mit den Worten tempus mea possesio - »Mein Besitz ist die Zeit«. Der alte Mann, der in der glimmernden Asche der einst heftig lodernden Feuer seines Lebens stocherte, hielt sich für nichts Geringeres als für den Herrn über die Zeit..."
Ergänzender Kommentar zu: Cardano's Kosmos - Anthony Grafton - von Jürgen G.H. Hoppmann, Autor von Astrologie der Reformationszeit
Es wird im im folgenden kurz dargelegt, daß dieses Buch trotz der Vielfalt des Materials und der angeführten Quellen nur mit Vorsicht zu genießen ist. Zuerst einmal die Einseitigkeit der verwendeten Literatur: Obwohl Grafton das Werk in der 90er Jahren des 20sten Jahrhunderts schreibt, ignoriert er alle historischen Werke, die mittlerweile von renommierten Astrologen und Historikern wie Nicolas Campion, Robert Hand, Derek und Julia Parker erschienen sind. So schreibt er von "Schicken esoterischen Buchhandlungen"(S.15), scheint diese aber noch nie mit dem Ziel, dort auch zu kaufen (geschweige denn zulesen), betreten zu haben.
Viele Textpassagen lassen erkennen, daß der Autor kein Wissen über moderne Astrologie hat, sondern nur die Originalquellen liest und als Sekundärliteratur einzig und allein die Publikationen des universitären Elfenbeinturms zuläßt. Daß dort Fehler ständig reproduziert werden, scheint ihn nicht zu stören. Grafton tut so, als gäbe es keine modernen Astrologen bzw. als ob er es nicht nötig hätte, diese bei seinen Studien um Rat zu fragen. Ein paar wenige Beispiele. So beschreibt er (S. 60) den 120er Aspekt als "Trinus" anstatt Trigon. Im Kontext erkennt man, daß der Autor überhaupt nicht weiß, was ein Planetenaspekt ist.
Sicherlich brilliert Graftons Werk durch große Materialfülle, speziell im historischen Bereich. Allerdings sollte man sich auch hier nicht täuschen lassen. Speziell was die Schilderung der Reise des Cardanus nach Berlin betrifft (S.143), so hat sich der Autor m.E. doch weitgehendst der Arbeiten Aby Warburgs von 1917 bedient, und das auch noch stellenweise falsch verstanden. Der Besuch des Cardanus in Wittenberg hat so, wie hier beschrieben, sicherlich nicht stattgefunden. Der Autor Anthony Grafton hielt sich zwar 1993 und 1994 in Berlin auf und konnte so die alten Manuskripte in Geheimen Staatsarchiv einsehen. Allerdings scheint Grafton die Reise ins nur 60 Kilometer entfernte Wittenberg gescheut zu haben, sich stattdessen lieber überalterter und überholten Fachliteratur bedient. In Wittenberg selbst hätte er in den umfangreichen Archiven der Lutherhalle und des Melanchthonhauses sicherlich Materialien gefunden, welche die historische Darstellung in seinem Buch "Cardono's Kosmos" in eine andere Richtung gelengt hätte.
Ein inneres Verständnis von Astrologie vermißt man beim Autor ganz besonders stark. Das Buch ist im Stil eines Polarforschers geschrieben, der außer dem Kommentar "Es ist dort kalt" nur Temperaturtabellen mitbringen kann. Vielleicht liegt es daran, daß Grafton bei seinem Berlinaufenthalt zwar über das Wissenschaftskolleg abwickeln konnte, er jedoch die Astrologie eher als eine Nebensache betrachtet und im Berlin-Verlag Bücher wie "Fälscher und Kritiker" und "Die tragischen Ursprünge der deutsche Fußnote" veröffentlich? Die oben geschilderten sowie weitere Detailfehler lassen entschiedenes Mißtrauen bei mir aufkommen.
Weiteres ...
Geschichte der Astrologie
Astrologie - Von Babylon zur Urknalltheorie
Lehrbuch der klassischen Astrologie
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