Astrologie der Reformationszeit
Von Jürgen G.H. Hoppmann
Astrologie der Reformationszeit Faust, Luther, Melanchthon und die Sternendeuterei; Originalhoroskope und Mittelalter-Deutungen der Astronomia Teutsch von 1583 - Jürgen G.H. Hoppmann - 220 Seiten (1998) - 216 Abbildungen - farbiger Umschlag - Hardcover - ISBN: 3884680692

Grundideen der Sternendeutung
Man sagt, Tiere hätten keine abstrakte Vorstellung von Zeit, daß dies ein wesentlicher Punkt sei, in dem wir uns von ihnen unterscheiden. Sicherlich - es gibt Tag und Nacht, Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter. Doch auch ganz unabhängig von Jahreszeiten und Wetter spüren wir, daß es uns in gewissen Phasen besser oder schlechter geht, und unsere Mitmenschen zur gleichen Zeit ähnlichen Stimmungen unterworfen sind. Egal, ob es sich um politische, wirtschaftliche oder persönliche Ursachen handelt: Diese Zeitstimmungen können sich über viele Monate hinziehen, und in gleich großen Räumen bewegt sich unsere Empfindungswelt.
Beim schönsten Sonnenschein können wir dunkle Wolken in uns spüren, kurze Wintertage können für unser subjektives Empfinden recht lange dauern. Mal rast die Zeit im Sauseschritt, mal scheint sie einfach nicht zu vergehen. An manchen Tagen klappt einfach alles, an anderen steht man mit dem linken Fuß auf und weiß, daß einem einfach nichts gelingen wird.
Vieles davon läßt sich mit Psychologie und Biologie erklären, doch nicht alles. Unsere eigene Lebensbiografie beschreiben wir in anderen Kategorien. Manchmal haben wir das Gefühl, just in time zu sein, manchmal scheint die Zeit an uns vorbei zu gehen.
Dann wieder gibt es diese plötzlichen Momente, in denen wir den Kristallisationspunkt einer langjährigen, vorausgegangenen Entwicklung sehen. Manchmal scheint es, als hätte das Geschehen selbst aus der Zukunft heraus eine Sogwirkung ausgelöst, Gegenwart und Vergangenheit beeinflußt. Man sagt, große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus - gibt es dann auch eine rückwärtsgerichtete Kausalität?
Das klingt alles ein wenig verrückt, aber: Wer aus rationalen Gründen solche mystischen Vorstellungen ablehnt, dem ist oft überhaupt nicht bewußt, wie sehr seine eigene vernunftbetonte Haltung von Glaubensmotiven bestimmt ist - vom Glauben an den Zufall. Daß kein Phänomen zwischen Himmel und Erde nach anderen als rein logisch-rationalen Gründen, nach beweisbaren Abläufen von Ursache und Wirkung erklärt werden darf, gehört zu den Dogmen der Wissenschaftsgläubigkeit.
Doch bietet diese Denkweise für viele wichtige Ereignisse unseres eigenen Lebens keine Erklärung. Plötzliche Erkrankung, Todesfälle, Verlust von Geld oder Arbeitsplatz, aber auch die Geburt eines Kindes, unverhoffter Lottogewinn, Scheidung, ein Flirt - wer glaubt in solch einer Situation schon an Zufälle! Das Begreifen und Meistern des eigenen Lebens beginnt oft erst jenseits aller Zufallsgläubigkeit. Besonders in Krisensituationen suchen die Menschen nach Erklärungsmustern, welche die verschiedenen Zeitpunkte des eigenen Lebens zueinander in Beziehung setzen. Auf diese Weise erhofft ein jeder, für sich das Sinnhafte hinter der glatten Oberfläche der Ereignisse zu erkennen.
Völlig unabhängig von der stets gleichförmigen, quantitativen Zeitmessung der Naturwissenschaft verläuft auch unsere persönliche Chronologie. Mit 17 Jahren kann man sich sehr, sehr alt fühlen, eine alte Seele in einem jungen Körper. Und es gibt genauso Menschen, die in hohem Alter sagen, ihr müder Körper passe so gar nicht zu ihrem wachen Geist. Ja, wer hat nicht schon einmal an seinem Geburtstag erlebt, daß er sich gar nicht so jung bzw. so alt fühlt, wie es die Zahl seiner Jahre vorzugeben scheint? Sprichwörter wie "Jedes Ding braucht seine Zeit" zeigen, daß für uns Menschen das Leben nicht geradlinig verläuft, eingeteilt in feste Größen wie Minute, Stunde, Monat und Jahr. Der Geruch, die Farbe, der Geschmack der Zeit - das sind viel passendere Beschreibungskriterien.

Naturwissenschaftlicher Ansatz
Das Empfinden einer nicht mit Uhren meßbaren Eigenschaft, einer Qualität der Zeit, dies ist ein Phänomen, welches zu unserem Menschsein gehört. Woran kann es in der Außenwelt festgemacht werden? Es gibt da den sich alljährlich wiederholenden Lauf der Sonne am Himmel und die sich daraus ergebenden Jahreszeiten. Doch viele Entwicklungen in unserem Leben, in der Familie, der Wirtschaft und Politik scheinen nach anderen Rhythmen abzulaufen - wenn nicht nach dem Sonnenlauf, dann vielleicht nach dem des Mondes? Und wenn durch dessen Phasen nicht alle Zeitphänomene erklärt werden können, dann vielleicht durch den Lauf der Planeten, die sich so unendlich langsam am nächtlichen Himmel bewegen? Ihre Bahnen blieben, von ganz leichten Schwankungen abgesehen, seit der Entstehung der Erde stets gleich. Alles Leben hier wuchs in diese Rhythmen hinein. Es ist bekannt, wie stark geringe, aber stets gleichförmige Kräfte wirken. Man denke nur an die Kraft des Wassertropfens in einer Tropfsteinhöhle oder die des Windes in Wüstengegenden. So winzig, wie die Massenkräfte der weit entfernten Planeten auch auf uns wirken - durch ihre schier ewige Kontinuität könnte ein großer Einfluß auf uns Menschen bestehen.
Auf der hier abgebildeten Grafik erscheint die Bewegung des Sonnensystems dreidimensional. In der Mitte bewegt sich die Sonne auf ihrer Bahn durchs Universum, drum herum kreisen die Planeten, und auch unser Heimatplanet Erde mit seinem Mond. Da sich ferner die Sonne selbst durch den Raum bewegt, schrauben sich die kreisenden Planeten also spiralförmig durch den unendlichen Weltraum. Als eine Spirale, in ihrer nach innen und außen drehenden Dynamik Metapher und Symbol zugleich, kann auch der Verlauf und das Erleben von Zeitläufen begriffen werden.
Das Horoskop als Augenblickskonstellation z. B. bei der Geburt eines Menschen, der Grundsteinlegung eines Hauses oder bei einem Unfall kann man sich als Querschnitt durch diese Raum-Zeit-Spirale vorstellen. Rein technisch entspricht dieses Modell der modernen Astronomie, und sie ist stimmig mit den Vorstellungen moderner Astrologie. Ein Kind seiner Zeit zu sein, nichts Statisches, sondern ein Prozeß, sich lebendig in der Zeit fortwährend weiterentwickelnd: so zeigt sich das Menschenbild der modernen Astrologie in ihrer Rückbindung an die Astrophysik.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors Jürgen Hoppmann.

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